Am anderen Ufer – Teil 1
29. Juni 2009 von Stefan Laszczyk
Ein Schrei verhallte ungehört in den Gassen. Noch war es zu früh, als dass die Frühschicht aufgestanden wäre und es war eigentlich auch zu früh für die Nachtschwärmer, die sich ein wenig Ablenkung aus ihrem Leben zu verschaffen versuchten. Die Goldstadt, wie Pforzheim früher einmal zu Recht genannt wurde, war zu provinziell, mancher würde sagen, zu bieder, als dass ein wirkliches Nachtleben existiert und damit den Namen verdient hätte. So kam es, dass der Schrei, der das Ende eines Lebens verkündete, ungehört verhallte – zumindest hier, in diesem Teil der Stadt.
Die Straßen waren leer, von streunenden Katzen einmal abgesehen. Und die waren noch niemals gute Zeugen. Manche, die sich in dieser Nacht im Bett hin und her warfen, mögen den Schrei in ihre unruhigen Träumen verarbeitet haben, gehört haben sie ihn nicht, zumindest nicht bewusst.
An anderer Stelle waren die Marktleute dabei, ihre Buden und Stände aufzubauen, die Wägen zu entladen und mit einem freundlichen Gespräch mit dem Standnachbarn den Tag zu beginnen. Das grelle Licht der Scheinwerfer tauchte die Szene in eine unwirklich unpassende Klarheit. Und bereits jetzt, unchristlich früh an einem Samstagmorgen, war es unglaublich schwül. Heiß würde es heute wieder werden, ebenso wie es die letzten Tage gewesen waren. An Schlaf war nicht zu denken.
Aus diesem, und aus keinem anderen Grund, waren bereits jetzt die ersten Kunden unterwegs und warteten, dass die ersten Waren des Tages feilgeboten würden.
Gregor, noch leicht beschwipst vom Vorabend, hatte es zu Hause nicht mehr ausgehalten und hatte sich in den Kopf gesetzt, seine Einkäufe zur blauen Stunde zu erstehen. Dass er nicht der einzige ruhelose Zufrühaufsteher war, wurde ihm nicht recht bewusst.
“Wann macht Ihr, verdammt noch mal auf!” Gregor war darüber ungehalten, dass die Marktfrau ihn ignorierte und stattdessen weiter schwere Kisten vom LKW lud.
“Kommen Sie in einer halben Stunde wieder! Dann sind wir hier so weit!”
Gregor grummelt vor sich hin. Er sah sich um. Gerade schaltete ein Bäckereiwagen die Beleuchtung ein. Vielleicht hatte er dort mehr Erfolg. Aber der Verkäufer hatte noch leere Auslagen. Er war gerade dabei die Kaffeemaschine in Gang zu setzen.
“Sie sind meine Rettung!” versuchte Georg ins Gespräch zu kommen. Mürrisch drehte sich der Verkäufer zu ihm herum.
“Hmmm?” – “Sie verkaufen doch Kaffee? Oder?” – “Hmhmm!”
Gregor versuchte seinen trockenen Gaumen zu befeuchten. Ein schwieriger Gesprächsbeginn.
“Kann ich vielleicht einen Kaffee bekommen?” – “Bald.”
Nun ja, das war schon einmal mehr als nichts.
Hier auf dem Turnplatz war der Markt schon immer. Zwar war vor Kurzem versucht worden, ihn in die Innenstadt zu verlegen, aber es war am entschlossenen Widerstand der Bevölkerung gescheitert. Da sollte noch einer sagen, die Bürger hätten keine Aussicht etwas zu ändern.
Gregor schaute dem Verkäufer dabei zu, wie er Brötchen in die Auslagen leerte. Sie waren noch so heiß, dass sie trotz der schwülen Luft an diesem Morgen, noch appetitlich dampften. “Kann ich eins bekommen…?” – “Hmmm” Der Verkäufer reichte ihm ein Brötchen, an dem er sich nun erst einmal festhalten konnte.
So langsam entstand um ihn herum der Markt. Die Stände und Schirme, die Auslagen mit Obst, Gemüse und den zahllosen Blumen – besonders die Blumen. Jetzt im Sommer war die Auswahl unüberschaubar.
“Ihr Kaffee. Wollen Sie ‘was dazu?” Gregor schüttelte den Kopf. Er musste für ihn schwarz und bitter sein. Dann machte er den Kopf wieder klar. Zum Trinken war er noch zu heiß, aber das Brötchen getunkt, das war das erste Koffein seines Tages.
Allmählich wurde das Dröhnen in seinem Kopf ein wenig leiser.
Er hatte gestern gespielt. Poker. Und verloren. Zumindest die Aussicht auf einen der vorderen Plätze bei diesem Turnier. Und weil er enttäuscht und verzweifelt war, hatte er sich an einem, nein zwei Whiskeys fest gehalten. Waren es wirklich nur zwei? Er konnte es nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Der Kaffe stellte langsam wieder ein paar Synapsen her. Es müssen mehr als 2 gewesen sein, denn sonst könnte er sich erinnern, was danach geschah. Im Augenblick fiel ihm nur ein, dass es in seinem Bett aufgewacht war und einen unglaublichen Schädel gehabt hatte. Die Luft war zum Schneiden gewesen. Also hatte er sich aufgemacht zum Turnplatz. Was lag näher, als ein morgendlicher Einkauf?
“Noch ein’n?” Gregor nickte und reichte seinen leeren Pappbecher über den Glastresen. Heiß und schwer erhielt er ihn zurück.
Wie hatte die Kleine noch geheißen? Die Kleine, die neben ihm gesessen und ihn angeklimpert hatte, mit ihren viel zu langen Wimpern? Nicole! Ja, genau! Was war eigentlich aus der geworden? Hatte sie sich vom glücklosen Spieler ab und einem anderen, Glücklicheren zugewandt? Irgendwie war Gregor so, als habe er sie noch einmal gesehen, aber das lag alles in einem undurchdringlichen Nebel.
Aber der Kaffee half, da bestand kein Zweifel.
Als er dem Verkäufer wortlos den Becher zu Befüllung über den Tresen schob, waren die meisten Stände aufgebaut und die ersten Kunden schlenderten zwischen den Ständen.
Diese großen Augen kamen ihm wieder in den Sinn. Nicols Augen. Sie hatten so – leer ausgesehen? Aber wann? So sehr er auch versuchte sich zu erinnern, es gelang ihm nicht.
Beim Pokerturnier war er in der Runde der letzten 16 ausgeschieden. Nicht schlecht, bei über 250 Startern, aber die Startgebühr hatten die 100 Euro Preisgeld nicht einmal abgedeckt, von den Kosten für Getränke ganz zu schweigen. Es war also, alles in allem, ein Scheißtag gewesen, gestern.
Sie hatte ihm schon gefallen, die Kleine. Nicole, nicht wahr? Sie war ganz süß gewesen. Warum sie sich gerade auf ihn gestürzt hatte und “seine persönliche Glücksfee” sein wollte, war ihm schleierhaft. Der Frauentyp war er nicht so sehr. Nicht dass er ein Looser gewesen wäre, aber er tat sich halt schwer mit Frauen. Sie fanden ihn nett und redeten gerne mit ihm, aber zum ins Bett gehen suchten sie sich andere.
Nicole war anders gewesen. Sie hatte an ihn geglaubt. Zumindest solange er gewann.
Sie hatte gelächelt und ihm tief in die Augen gesehen. “Du schaffst das!” hatte sie ihm ins Ohr gehaucht. Dabei hatten ihre Zähne sanft an seinem Ohrläppchen geknabbert. Wie ihn das irritiert hatte! Fast hätte er sie angefahren, dass sie das lassen solle. Aber dann schluckte er den Ärger lieber herunter. Wie oft hatte er eine hübsche, junge Frau, die an seinen Lippen hing? Die ihm Glück wünschte? Eben, da würde er doch lieber solche Kleinigkeiten ignorieren und nehmen, was sich ihm so glückselig anbot!
Woher war sie eigentlich gekommen, diese Nicole? Gregor verzog die Stirn. Er erinnerte sich nur, dass sie plötzlich an ihm gehangen hatte, wie wenn sie sich schon lange kennen würden, und ihn angesäuselte hatte “Los, zeig’s Ihnen, Tiger!”
So ganz nüchtern war er da schon nicht mehr gewesen, das fiel ihm nun, wenn er so darüber nachdachte, wieder ein.
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